Aller guten Dinge sind drei!

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EINE UKRAINISCH-POLNISCH-DEUTSCHE JUGENDBEGEGNUNG

Das Jugendaustauschprojekt 2019 mit dem Schwerpunkt „Schtschyrez als multinationale Stadt“ zwischen den Partnerstädten Gudensberg, dem polnischen Jelcz-Laskowice und der ukrainischen Stadt Schtschyrez war gleichzeitig die Premiere einer gemeinsamen Jugendbegegnung innerhalb der Städtepartnerschaft dieser drei Nationen. Die Stadt Gudensberg als westdeutsche Kleinstadt ist seit Kriegsende geprägt durch eine demokratische, freiheitliche Gesellschaft und verankert im Wirtschafts- und Wertesystem Westeuropas. 

Das etwas größere Jelcz-Laskowice, erst durch eine Gebietsreform vor 30 Jahren entstanden und Teil der jungen Demokratie Polens seit 1989, sowie der europäischen Union seit 2004, ist dennoch verwurzelt in seinen Traditionen und steht im besonderen Verhältnis zum Nachbarland Deutschland. Die Ukraine und damit die Partnerstadt Schtschyrez erlangten 1991 die Unabhängigkeit von der ehemaligen Sowjetunion und stellt damit die jüngste Demokratie und Marktwirtschaft der Partnerstädte dar. 

Drei Kommunen, die in ihrer jüngeren Geschichte einen sehr unterschiedlichen Verlauf genommen haben, die geprägt waren von der Teilung Europas und unterschiedlichen politischen Systemen, bilden naturgemäß den Boden für einen Jugendaustausch, der den Beteiligten Einblicke in das Leben, den Alltag, der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse und dem Miteinander innerhalb der Gesellschaft in einem bisher nicht gekannten Umfang ermöglicht. 

Aufbau und Wandel innerhalb der ukrainischen Gesellschaft und Infrastruktur

Die deutschen und polnischen TeilnehmerInnen erlebten die gastgebenden jungen UkrainerInnen und ihre Stadt Schtschyrez als eine starke Gemeinschaft mit dem Willen unter Beibehaltung ihrer Traditionen ein modernes, demokratisches Staatswesen aufzubauen. In Schtschyrez trifft Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufeinander. Die Geschichtslehrerin der ortsansässigen Schule, Stefanija Derevatska, zeigte dies bei einer vielschichtigen Stadtführung. 

Die Wirtschaft ist, auch bedingt durch die ungeklärte politische Situation im Osten des Landes, noch im Aufbau begriffen. Es werden zahlreiche infrastrukturelle Maßnahmen wie Abwasser, Klärsysteme und Straßenbau, in Angriff genommen. Im Vergleich zu früheren Besuchen konnten deutliche Fortschritte in diesen Bereichen erkannt werden.

Das Aufeinandertreffen alter Strukturen, wie Ziehbrunnen, Nutzgärten und daneben Photovoltaikanlagen und der neuen digitalen Medien, vermitteln ein Bild von den vielfältigen Aufgabenbereichen, denen sich die jungen UkrainerInnen mit Energie und Tatkraft stellen.

Besonders für die deutschen Jugendlichen wurde erkennbar, dass ihre ukrainischen Freunde sich dem Aufbau ihres Gemeinwesens verpflichtet fühlen, dabei aber ihre Traditionen nicht aus dem Blick verlieren und ihr Land in eine demokratische und wirtschaftlich erfolgreiche Zukunft führen wollen. Das Bewusstsein um diese Aufgabe erfüllt sie mit dem nötigen Ernst, aber auch mit Stolz auf ihre Rolle in dieser noch jungen Gesellschaft. 

Daraus resultierend lag der Schwerpunkt der Führung auch auf Denkmälern, Kirchen und geschichtlichen Friedhöfen. Ein Ausflug in das Skigebiet nach Bukovel in den Karpaten fand den Zuspruch der jugendlichen Gäste aus Deutschland und Polen. Bei einer Liftfahrt hoch auf den Gipfel erschloss sich den Teilnehmern der Blick über die beeindruckenden Gebirgszüge der Karpaten.

Es bestätigte sich der erste Eindruck aus Schtschyrez nochmals deutlich, dass im ganzen Land zunehmend in neue Projekte bzw. Wirtschaftszweige, wie beispielsweise in den Tourismus, investiert wird. 

Etwas erschöpft von der langen Busfahrt und den vielen Eindrücken, wurden die Jugendlichen zum Abendessen von einer ukrainischen Folkloregruppe in Empfang genommen. 

Lwiw, ein Beispiel für modernes, urbanes Leben in der Ukraine

Die Kleinstadt Schtschyrez liegt in der Oblast (Gebiet) Lwiw. Lwiw, Deutsch: Lemberg, ist die Oblasthauptstadt, ähnlich der Hauptstadt eines deutschen Bundeslandes oder einer einer polnischen Woiwodschaft. Für die Jugendlichen aus Schtschyrez ist Lwiw ein kultureller Bezugspunkt und, bedingt durch Ausbildung oder Studium, ein wichtiger Bestandteil ihres Alltags.

Demgemäß fand eine intensive Stadtbesichtigung statt, bei der die Jugendgruppe das moderne, urbane Leben in einer ukrainischen Stadt kennen lernte, aber auch geschichtlich die ehemalige Zugehörigkeit zu Österreich-Ungarn in Form der großartigen, klassizistischen Bausubstanz deutlich wurde. 

 

Lwiw ist eine pulsierende, jugendliche Stadt, in der die Aufbruchstimmung und Spontanität der jungen Ukrainer in Form einer sehr aktiven Kulturszene bis hin zu improvisierten Darbietungen auf Plätzen und in Parkanlagen als ein fröhliches, buntes Bild auf die deutschen und polnischen Jugendlichen wirkte, wie sie es aus ihren Städten so nicht kennen. 

Die Besichtigung des Lytschakiwer Heldenfriedhofs, immer ein fester Bestandteil des Besuchsprogramms, drückte die Verbundenheit zu den Soldaten, die teilweise gleichaltrig im Konflikt mit Russland für die Ukraine gestorben sind, aus. 

Bei einer gemeinsamen Wanderung zum Aussichtspunkt „Hohes Schloss“ bekamen die Teilnehmer einen Eindruck der Größe und Struktur von Lwiw. Danach schloss sich ein klassischer Altstadt-Bummel mit Besichtigung eines Schokoladen-Museums an. 

Jugendliche aus drei Nationen miteinander vereint

Erstmalig nahmen an der diesjährigen Begegnung auch 9 Jugendliche aus Jelcz- Laskowice teil. Damit war die Jugendgruppe der trinationalen Städtepartnerschaft von Jelcz-Laskowice, Gudensberg und Schtschyrez vereint. 

In den Vorjahren hatte es nur Treffen zwischen deutschen und ukrainischen Teilnehmern gegeben. Das war sehr schade, insbesondere weil 2010 diese Partnerschaft zwischen Jelcz-Laskowice und Gudensberg begründet und mit Schtschyrez, der Partnerstadt von Jelcz-Laskowice, ein trinationaler Dreierbund ab 2016 geschlossen wurde. 

Wichtiger Bestandteil der Beziehungen dieser drei Städte untereinander ist die Begegnung der Menschen verschiedener Kulturkreise insbesondere der Jugendlichen. Auf dem Weg aller europäischen Nationen in eine gemeinsame Zukunft und die Überwindung einer teilweise sehr belastenden Vergangenheit, kommt diesen jungen Menschen eine Schlüsselrolle zu, die nur durch gegenseitiges Kennenlernen, Verstehen und Miteinander zu bewältigen sein wird. 

Deutlich wurde, dass in dem vertrauten Umgang zwischen Deutschen und Ukrainern, die sich teilweise schon über Jahre kennen, Freundschaften entstanden sind und sie sich daher auf ein Wiedersehen gefreut haben. Zu Beginn der Begegnung verhielten sich die polnischen Jugendlichen noch etwas zurückhaltend und abwartend. Doch schon bald öffneten sie sich den anderen Jugendlichen und wurden herzlich in die gemeinsame Gruppe aufgenommen. 

Es war ein gutes Beispiel für die Wichtigkeit und den Erfolg solcher Begegnungen. Einmal miteinander vertraut, konnte man in der Unbekümmertheit, die Jugendlichen eigen ist, eine spannende Woche miteinander gestalten. 

Dabei ist ein wichtiger Aspekt, dass die jungen Menschen, anders als teilweise Erwachsene, unvoreingenommen, direkt und unverfälscht, ohne politisches Kalkül und Auftrag aufeinander zugehen können.

Nicht politische Information oder Bildung haben bei diesen Treffen oberste Priorität, sondern ein Gefühl dafür zu entwickeln, dass wir Menschen in Europa und weltweit in unseren Grundbedürfnissen sehr ähnlich sind und ein freundschaftliches Miteinander über alle Grenzen hinweg möglich ist. 

Das gemeinsame Projekt: Friedhof der Siedlung Rosenberg

Ein zentrales Thema und Aufgabe der Jugendbegegnung waren die Erfassung der Grabstelen und Pflegemaßnahmen auf dem Friedhof der Siedlung Rosenberg in Schtschyrez. Bereits 2013 schlug der damalige Bürgermeister von Jelcz-Laskowice ein solches internationales Jugendprojekt vor. Durch die russische Besetzung der Krim und von Teilen der Ostukraine konnte es aber 2014 nicht verwirklicht werden. 

Die Kolonie Rosenberg hatte ihren Bestand bis zum Hitler-Stalin-Pakt 1939, als die allermeisten deutschstämmigen Einwohner „heim ins Reich“ umgesiedelt wurden, wie es damals hieß. Zuvor lebten die 1786 angesiedelten Deutschen in einer multikulturellen Gesellschaft mit Ukrainern, Polen und Juden in Schtschyrez friedlich zusammen. Die größte Einwohnerzahl Rosenbergs wurde im Jahr 1921 mit 204 Bewohnern erreicht. 

Erhalten geblieben sind 12 Wohnhäuser ehemaliger deutscher Familien, die nunmehr zu Wohnzwecken genutzte deutsche Schule und der immer noch in Gebrauch befindliche tiefe Trinkwasserbrunnen. Der Friedhof der evangelischen Kolonisten war nach der Auswanderung über 70 Jahre lang dem Untergang und Verfall preisgegeben. 

Unter der Anleitung des Projektleiters Dr. Eberhardt Kettlitz und des Gudensberger Bauhofleiters Uwe Kiefer, sowie der ukrainischen Verwaltungsmitarbeiterin Iryna Mykytka und des polnischen Projektleiters Ksawery Piśniak befreiten die Jugendlichen den verwilderten Friedhof von Unkraut, Gebüsch und Müll. 

Einige Grabstelen wurden so hingelegt, dass man ihre Inschriften wieder lesen kann. Vor allem aber wurden die bemoosten deutschsprachigen Inschriften mit Bürsten und Wasser gereinigt, aufgeschrieben und vor Ort übersetzt. Jetzt kann man wieder lesen, wer hier einmal bestattet worden war. Der deutsche Historiker Dr. Hans Christian Heinz, der seit längerem schon in Lwiw lebt, erläuterte die Geschichte der Kolonie und des Friedhofs Rosenberg. Schon vorher hatte die 13-jährige Wictorija Peprik das kulturelle Leben der polnischstämmigen Bevölkerung vorgestellt. Noch heute gibt es etwa 100 Einwohner polnischer Abstammung in Schtschyrez, die ihre Traditionen pflegen und Teil des Gemeinwesens sind. 

Die gemeinsame, praktische Arbeit vertiefte bei den jungen und älteren Teilnehmern das gegenseitige Verstehen über alle Sprachbarrieren hinweg, weckte den Teamgeist und sorge für ein gemeinsames Erfolgserlebnis. 

Der Gedenkstein auf dem Friedhof mit Würdigung des jugendlichen Engagements dreier Nationen

Ein beeindruckendes Erlebnis und Abschluss der Arbeiten am Friedhofsprojekt, war die Enthüllung eines Gedenksteins, gestiftet vom Hilfskomitee der Galiziendeutschen, der Vereinigung der Nachfahren der ehemaligen deutschen Kolonisten, mit Unterstützung der Städte Schtschyrez und Gudensberg. 

Der von einem ukrainischen und einem polnischen Priester geweihte Gedenkstein erinnert an die Siedlung Rosenberg, an das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher Nationen und an das gemeinsame Denkmalpflegeprojekt ukrainischer, polnischer und deutscher Jugendlicher im Sommer 2019. Die Inschrift lautet: „Hier ruhen in Gottes Frieden die Verstorbenen der deutschen evangelischen Gemeinde Rosenberg und der Stadt Schtschyrez, 1786-1939.

Errichtet von den Städten Schtschyrez und Gudensberg und dem Hilfskomitee der Galiziendeutschen e. V. bei der Jugendbegegnung von polnischen, ukrainischen und deutschen Jugendlichen aus den Städten Jelcz-Laskowice, Schtschyrez und Gudensberg im Juli 2019 zur Erinnerung an das friedvolle Zusammenleben.“ 

Ein Zitat von Frau Irmgard Steinmann aus einer galiziendeutschen Publikation würdigt eindrucksvoll die Enthüllung des Gedenksteins:

„Auf diesem Friedhof ruhen meine Vorfahren mütterlicherseits, die Familie Lang, die über einen Zeitraum von ca. 100 Jahren hier gelebt hatte. Zuletzt war mein Großvater, Johann Eduard Lang, auf diesem Friedhof 1936 beerdigt worden, drei Jahre vor der Umsiedlung. Ich, die Enkelin, war die einzige aus meiner Familie, die diesen Friedhof besuchte und ihn vor wenigen Jahren noch in dem total verwilderten Zustand angetroffen hatte.“ 

Sie freut sich sehr, dass der Friedhof nun wieder ein würdiger Ort zum Gedenken an die Verstorbenen ist.

Nach der Enthüllung präsentierten die Jugendlichen vier gereinigte Grabsteine und trugen die wieder lesbaren Inschriften in drei Sprachen vor. Die Feier fand ihren würdevollen Abschluss im Bürgerhaus von Schtschyrez mit der Aufführung traditioneller Tänze und den Grußworten von Bürgermeister Oleh Vasylyshyn und von polnischer und deutscher Seite von Ksawery Pisniak und Eberhardt Kettlitz. Der Historiker Hans Christian Heinz überreichte das letzte Exemplar seiner Doktorarbeit über die Geschichte der Galiziendeutschen an Stefanija Derevatska für die Stadtbibliothek. 

Das Trennende überwinden und voneinander lernen

Der direkte Umgang miteinander in sportlicher Weise, im voneinander lernen, aber auch in alltäglichen Dingen baut Vertrauen auf und überwindet das Trennende und die alten Vorbehalte zwischen den Menschen. Gerade die Aufbruchstimmung in den jungen, östlichen Demokratien wirkt positiv und lebendig und zukunftsorientiert.

Die Jugendlichen lernen sich nicht nur untereinander kennen und verstehen, sondern auch die Lebensbedingungen in den anderen Ländern. Sie finden viele Gemeinsamkeiten, auch in der gemeinsamen europäischen Geschichte, aber auch deutliche Unterschiede in der Kultur, Wirtschaft und Politik. Nicht alles, was glänzt, ist Gold, aber auch nicht alles andere ist schlecht. Man muss nur alles mit offenen Augen und vorurteilslos betrachten, um sich eine eigene Meinung bilden zu können. Damit sind die Jugendlichen aus Schtschyrez, Jelcz-Laskowice und Gudensberg mit ihrer offenen und entdeckungsfreudigen Art Vorbilder für uns Alle. 

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Bohdan, Wolodymyr, Oleh, Khrystyna, Witalij, Anastasija, Solomija, Wiktoria, Nadija, Iryna, Wiktoria, Sofia, Anastasija, Olena, Sofia, Olha, Khrystyna, Myroslawa, Wladyslaw, Sorjana, Khrystyna, Katarzyna, Mikołaj, Daria, Anna, Natalia, Oliwia, Martyna, Klara, Karolina, Philipp, Raffael, Tigran, Robert, Jana, Lucia, Henrike, Elisa, Antonia.

Iryna Mykytka, Wolodymyr Popovych, Nataliya Pidhirna, Olha Mozil, Mariya Popovych, Oksana Kvasnicja, Maximilian Fröhlich, Susanne Kling-Kitzerow, Uwe Kiefer, Eberhardt Kettlitz, Ksawery Piśniak, Anna Kowal-Goliszek.