Die Ergebnisse 2018

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Statements der Jugendbegegnung  

„Menschenrechte sind für mich sehr wichtig. Jeder einzelne in unserer Gesellschaft hat meiner Meinung nach ein Recht auf sie. Leider wird es nicht überall auf der Welt berücksichtig, dass jeder ein Recht auf Freiheit und Unversehrtheit hat. Es macht mich sehr betroffen zu sehen, wie zum Beispiel Frauen in anderen Ländern behandelt werden. Die meisten Menschen in Deutschland kennen ihre Menschenrechte oder sind sich zu mindestens unterbewusst darüber klar, dass es diese Regeln gibt. Schon früh, in Kitas und  Schulen lernen Kinder sich an wenige wichtige Regeln zu halten, denn unser Gesetz beschützt unser Leben und sorgt für ein friedlichen Miteinander. Das ist leider nicht überall so.“

Veronika Beier   

Veronika Beier (Jugendbegegnung 2018)

„Krieg und Frieden gibt es im Großen und Kleinen. Es besteht zwischen Ländern, innerhalb eines Landes, zwischen Freunden und innerhalb der Familie. Am schlimmsten finde ich glaube, wenn Menschen des eigenes Landes gegeneinander Krieg führen, ein sogenannter Bürgerkrieg. Wenn das Wir-Gefühl einer Nation zerbricht. Krieg kommt meistens zustande, wenn Machverhältnisse neu vergeben werden  sollen. Aber es gibt immer einen Bösen, eine Masse die unzufrieden ist. Unzufrieden, allein darin steckt schon das Wort Unfrieden. Jeder, der Krieg und Hass schonmal erlebt hat, weiß wie wichtig Frieden ist.“  

Patrick Saur

Ahmad Hassan (links) und Patrick Saur (rechts) im Moviepark (Jugendbegegnung 2018)

„Ich liebe meine Familie. Ich liebe meine Heimat und das Land, indem ich geboren bin. Die Liebe, die ich zu  meinen Eltern habe, ist eine andere wie in einer Beziehung. Liebe ist auf jeden Fall das schönste und wichtigste auf der Welt. Sie führt dazu nicht nur an sich, sondern genauso doll an einen anderen Menschen zu denken.“

Irynka Ivasyk

Ahmad Hassan (links) und Irynka Ivasyk (rechts) beim Abschied in Gudensberg (Jugendbegegnung 2018)

„Freiheit ist ein komisches Menschenrecht. Man muss sich an Gesetze und Regeln halten, ist man dann überhaupt frei ? Aber ich glaube ich weiß, was damit gemeint ist. Gesetze und Regeln sollen ja nicht die eigene Freiheit beschränken, sie beschützen mich, damit mir keiner und ich niemandem die Freiheit nehmen kann.

Es macht mich traurig, dass nicht alle Menschen in meiner Heimat frei  entscheiden können, zu welchem Land sie gehören.“

Nastyuha Senish

Nastyuha Senish (Mitte) mit ihren deutsch-ukrainischen Freunden im Naturkundemuseum in Kassel. (Jugendbegegnung 2018)

Unser Leben in Ost und West

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EINE UKRAINISCH – DEUTSCHE JUGENDBEGEGNUNG

Noch vor drei Jahren stellte sich bei den deutschen Jugendlichen eine gewisse Skepsis und Zurückhaltung ein, als man zum ersten Mal das Angebot eines deutsch-ukrainischen Austauschprogramms in Gudensberg vorstellte.

Die Jungen und Mädchen wussten nicht viel über diese, ihnen fremde, Kultur und über den geschichtlichen Hintergrund, der ihre Länder verbindet. Dementsprechend begegnete man sich zunächst mit einer gewissen Schüchternheit und respektvoller Distanz. Mittlerweile kann man sagen, dass der regelmäßige Austausch Früchte trägt. Eine erste Annäherung und die Kennenlernphase sind nun abgeschlossen. Aus der losen Bindung von Jugendlichen zweier Nationen, ist mittlerweile eine enge Verflochtenheit erwachsen, die nun mit dieser dritten Begegnung in Gudensberg weiter gestärkt wurde.

Am 7. Juli 2018 machte sich eine Jugendgruppe aus Schtschyrez auf, ihre Nordhessische Partnerstadt Gudensberg zum zweiten Mal zu besuchen. Es war ein Wiedersehen im vertrauten Umfeld und die Freude auf bekannte Gesichter zu treffen, war auf beiden Seiten groß.  

Bei den Treffen der vergangenen zwei Jahre konnten wesentliche Erfahrungen mit den politischen Verhältnissen im Besonderen und den Lebensbedingungen im Allgemeinen in den Partnerstädten gemacht werden, sodass in diesem Jahr nicht nur der Austausch, sondern auch das gemeinsame Erschaffen von etwas Neuen auf dem Programm standen.

Die Woche stand unter dem Gesichtspunkt, ein gemeinsames Theaterstück zum Thema Frieden und gewaltfreie Gesellschaft zu entwickeln und in einer finalen Aufführung der Öffentlichkeit zu präsentieren. Die Gudensberger und ihre Gäste beschäftigten sich intensiv mit den Werten der Demokratie und den Menschenrechten. Sie entwickelten ein Konzept, um ihre entstandenen Theorien, Ideen und Gedanken visuell auf der Bühne umzusetzen. 

Gemeinsam erkundeten die Jungen und Mädchen die Region rund um Gudensberg, besuchten das Naturkundemuseum Kassel, spielten Fußballgolf und machten einen Ausflug in den Moviepark. Die Erfahrung der letzten Jahre hat den Gastgebern gezeigt, dass es darüber hinaus wichtig ist, viel Zeit zum Reden und zum Austausch offen zu halten. 

„Man sollte nicht den Fehler machen zu glauben, dass die ukrainischen Jungen und Mädchen den west-europäischen Lebensstil nachahmen wollen und sie Deutschland als Vorbild sehen. Das stimmt so nicht ganz. Sie zeigen zwar eine gewisse Neugier, doch in Wahrheit sind sie sehr stolz auf das, was sie und ihre Nation ausmachen. Sie lieben ihre Trachten, Volkslieder und Feste. Ihr Glaube an ihre Nation und die Solidarität zu ihrem Volk sind tief verwurzelt. Von alldem können die Gudensberger noch viel lernen, denn wir sind oft zu weit entfernt, von unseren Wurzeln und so manche Kulturgüter geraten zu schnell in Vergessenheit.“

 Lucia Dietz, Teilnehmerin aus Gudensberg

Im gegenwärtigen Prozess ein vereintes Europa der Zukunft aufzubauen, ist dieser Jugendaustausch ein wertvolles, weil in dieser From nur selten ermöglichtes, Projekt europäischer Zusammenarbeit. Die Jugendlichen werden Teil einer Politik, die sie oft nur aus dem Fernsehen kennen und aus den Mündern von ihnen weit entfernter Politiker hören. 

Um der heut zu Tage weit verbreiteten politischen Interesselosigkeit bei jungen Erwachsenen entgegen zu wirken, sind Erfahrungen wie diese aus erster Hand, ein entscheidender Anreiz für späteres politisches Engagement und die Grundlage zum Verständnis des europäischen Solidaritätsgedankens.

Mit dem Ziel einen Beitrag zur europäischen Verständigung zu leisten, ging die Stadt Gudensberg 2010 zunächst eine Städtepartnerschaft mit der polnischen Stadt Jelcz-Laskowize ein. Es stellte sich heraus, dass ein hohes Interesse beider Seiten zur Überwindung einer Jahrzehnte langen Sprachlosigkeit zwischen den Menschen besteht und man in Zukunft auf eine engere Zusammenarbeit in allen Bereichen der Verwaltung setzen will. Daraufhin wurde im Jahr 2012 die partnerschaftlichen Beziehungen auf die ukrainischen Kleinstadt Schtschyrez hin zu einer trinationalen Partnerschaft ausgedehnt. 

Seitdem unterstützt die Freiwillige Feuerwehr Gudensberg ihre Partnerstadt Schtschyrez beim Aufbau ihrer Feuerwehr. Dazu zählt die Versorgung mit notwendigen Equipment  und die Schulung von freiwilligen Helfern in der Handhabung der Geräte vor Ort. Vor allem, die im Umland

von Schtschyrez gelegenen Torflagerstätten, stellen eine besondere Gefahr durch ihre schwer kontrollierbaren Schwelbrände dar und erfordern eine präzise Bekämpfung. 

Auch seit Jahren bemüht sich die Stadt Gudensberg ihre Partnerstadt beim infrastrukturellen Wandel zu unterstützen und steht bei der Erneuerung des Abwassersystems mit eigenem städtebaulichen Erfahrungen zur Seite.

Die partnerschaftlichen Beziehungen stehen neben dieser eher praktischen Hilfe auch unter der wichtigen Prämisse, die kulturelle und gesellschaftliche Distanz zu überwinden und Vergangenes aufzuarbeiten. Alte Vorurteile aus dunkler Vergangenheit der 40er Jahre und der nachfolgenden Trennung Europas, sind teil dieses Aufarbeitungsprozesses.  

Die Jungen und Mädchen machen es vor: Austausch bedeutet die Angst vor dem Fremden zu verlieren, Überwindung der Vorurteile und Erweitern des Horizonts.

Gudensberger Gastfreundschaft erleben

Die Koffer waren kaum ausgepackt, als die deutschen Gastgeber spontan beschlossen mit  ihren ukrainischen Freunden einen Abstecher zum Oldtimertreffen zu unternehmen. Das Brauchtumsfest zum Erhalt historischer Landtechnik, organisiert vom Bulldog Club Nordhessen, ist über die Region hinaus bekannt und zu dieser Zeit in Gudensberg in aller Munde. 

Der Ehren-Vorsitzende Dirk Schmidt organisierte spontan eine kleine Rundfahrt auf den knatternden, lauten Traktoren, die über den holprigen Rasen des Festplatzes tuckerten, ganz zur Freude der jungen Ukrainer und Gudensberger.

Oldtimerausstellungen in dieser Form kannten die jungen Ukrainer nicht von Zuhause. In der Ukraine ist ein solcher Zusammenschluss von Technikbegeisterten zur Pflege und Erhaltung landwirtschaftlicher Maschinen und ländlichen Brauchtums noch nicht weit verbreitet, zu kurz ist es her, als diese Geräte selbst noch zum Einsatz kamen.

Wie die Gudensberger bei ihrem Gegenbesuch selbst erfahren konnten, befinden sich die wirtschaftlichen Strukturen der Ukraine in einem umfassenden Wandlungs- und Modernisierungsprozess. Als einer der mittlerweile wichtigsten und größten europäischen Weizenexporteure, bewirtschaftet die Ukraine weite Teile ihre Landes mit modernsten landwirtschaftlichen Maschinen, als Reaktion auf eine ständig wachsende Nachfrage.

An diesem ersten Abend waren die Gedanken jedoch frei von alle dem. Es brauchte nicht viel, nur ein paar Tänze und Songs zum Mitsingen und man knüpfte dort an, wo man im vergangen Jahr aufgehört hatte. Alle waren beflügelt von dem bekannten Gefühl der Vertrautheit, die man mittlerweile zueinander hat.

Ruhe und Frieden spüren

„Für erholsame Träume hier bei uns in Gudensberg, haben wir für unsere Gäste Kissen mit Wünschen und bekannten Figuren aus der Region bemalt.“

Veronika Beier, Betreuerin aus Gudensberg

Ruhe und Frieden zu spüren, ist nicht selbstverständlich in einem Land, dass sich im Dauerkonflikt mit seinem großen, mächtigen Nachbarn Russland befindet. Den Gudensbergern wird immer wieder bewusst, dass die Lebensverhältnisse der in der Ukraine lebenden Menschen stark von der schwierigen politischen und sozialen Lage geprägt ist. 

 Theater als politisches Statement

Umso wichtiger fanden die Theaterpädagogen Hedwig Warnek, Finn Howell und Florian Beelmann eine ehrliche Kommunikation unter den Jugendlichen aufzubauen.

„Frieden und Demokratie hängt mit dem eigenen Verhalten zusammen, es entsteht nicht von allein und bedarf der ständigen Erneuerung. Ein offener Umgang und eine funktionierende Kommunikation sind die Grundlage für eine friedliche Gesellschaft und nicht zuletzt auch für ein vereintes Europa.“

Hedwig Warnek, Theaterpädagogin aus Lingen

Der Ansatz der Theaterpädagogen bestand darin, dass die Jungen und Mädchen zunächst eine gewisse Gelassenheit auf der Bühne entwickeln sollen, um später ihren Gefühlen besser nach außen hin Ausdruck verleihen zu können. Entspannungsübungen schafften eine gute Basis für ein offenes Gespräch und den ehrlichen Austausch auf der direkten Ebene zwischen zwei Jugendgruppen aus unterschiedlichen Kulturkreisen, geschichtlichen Erfahrungen und einem anderen Alltagsleben.  So tauschten sich die Jungen und Mädchen über Gefühle und innere Einstellungen zu Themen wie Heimat, Menschenrechte und Völkerverständigung aus, auf dessen Grundlage im Verlauf der Woche ein Theaterstück inszeniert wurde. 

„Wir wollen den Gudensbergern und jungen Ukrainern in dieser Woche mit auf den Weg geben, dass jeder von ihnen eine Stimme hat, die im kleinen, aber auch im großen Sinn etwas bewirken kann.“

Florian Beelmann, Theaterpädagoge aus Lingen

Gudensberg und die Region der Chatten erkunden

Einen ersten Eindruck über das Leben, die Leute und die Region ihrer nordhessischen Partnerstadt Gudensberg konnten sich die ukrainischen Gäste 2016 bereits verschaffen. In diesem Jahr vertiefte Christine Weghoff im Rahmen einer sehr detaillierten und informativen Stadtführung über den Musikalischen Wanderweg, unter anderen die geschichtlichen Hintergründe der vor 7.500 Jahren entstandenen Steinzeitsiedlung von ersten Ackerbauern und Viehzüchter, die sich am Fuße der Gudensberger Obernburg ansiedelten. 

Den Ukrainern wurde ein ausführlicher Überblick über den Aufbau der Stadt und ihrer Infrastruktur vermittelt, bei dem die Jugendlichen wesentliche Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten zu ihrem eigenen Alltag feststellen konnten. 

In diesem Zusammenhang bestaunten die Jungen und Mädchen im Naturkundemuseum Kassel die umfangreichen Gudensberger Siedlungs- und Knochenfunde, die dort dauerhaft ausgestellt werden. 

Um all diese Eindrücke zu verarbeiten und Zeit für den intensiven Kontakt zu geben, wurde das Projekt von einem abwechslungsreichen Freizeitprogramm begleitet. Die Gäste und Gastgeber besuchten gemeinsam den Moviepark Bottrop, testeten zusammen mit Bürgermeister Frank Börner das kürzlich eröffnete Fußballgolf im Golfpark Gudensberg und erkundeten auf eigene Faust ihre Partnerstadt. Einen Kontrast zur intensiven Workshoparbeit, bot auch ein Besuch im Naturbad Terrano, verbunden mit einem Volleyballmatch, den Jungen und Mädchen Zeit sich zu erholen und auszutauschen.

„Ich habe gehört, dass in Gudensberg regelmäßig zur Ferienzeit Jugendfreizeiten angeboten werden. Bei uns gibt es sowas leider nicht. Dieser Austausch ist für uns dadurch ein umso exotischeres Ereignis, auf das wir uns schon während der Schulzeit freuen.“

Bohdan Lysetskii, Teilnehmer aus Schtschyrez

Der gemeinsamen Geschichte auf der Spur

Um historische Zusammenhänge zu verstehen, die zum Teil bis in die Gegenwart reichen,   besuchte die Jugendgruppe das Gefangenenlager  STALAG in Trutzhain.

Bis 1945 wurden dort Kriegsgefangene unterschiedlicher Nationen interniert, darunter auch der spätere französische Staatspräsident François Mitterrand. 

Mehrere tausend sowjetische Kriegsgefangene, unter ihnen auch zahlreiche Ukrainer, mussten dort unter unmenschlichen Bedingungen außerhalb des Lagers in sogenannten Arbeitskommandos Zwangsarbeit in der Landwirtschaft und in der Industrie leisten. 

„Es ist wichtig, dass die Vergangenheit nicht in Vergessenheit gerät, damit solche schrecklichen Dinge sich nicht noch einmal wiederholen.“

Iryna Mykytka, Betreuerin und Mitglied des Stadtrats der Stadt Schtschyrez

Von Gudensbergern für Gudensberger

Diese Jugendbegegnung im Besonderen, aber auch die Partnerschaftsarbeit im allgemeinen, wäre ohne das Interesse und das Engagement von Bürgern und Bürgerinnern der Stadt Gudensberg in dieser Form nicht realisierbar.

Der im Jahr 2016 neu formierte Partnerschaftsverein Gudensberg leistet seit Jahren mit seinem Engagement einen wichtigen Beitrag für einen starken trinationalen Städteverbund mit Polen und der Ukraine. 

So organisierte der Partnerschaftsverein auch diesmal einen gemütlichen Abend und versorgte die Jugendlichen mit leckeren Gegrilltem und Salaten, genau das richtige nach einem langen Tag mit viel Programm.

„Wir hoffen, dass diese Jugendbegegnung noch viele Jahre bestand haben wird. Wir als Partnerschaftsverein unterstützen dieses Projekt von ganzem Herzen.“

Ingbert Radloff, aus dem Vorstand des Partnerschaftsvereins Gudensberg

 

Ein Kulturaustausch auf direkter Ebene

Nach dem Essen ließen es sich die Gastgeber und ihre Gäste nicht nehmen, Tische und Stühle zur Seite zu schieben, um mit Tanz und lautem Gesang den Geburtstag von Solomia, eine der ukrainischen Teilnehmerinnen, zu feiern. An diesem Abend kam die musikalische Begleitung überraschend aus den eigenen Reihen. Die Ukrainerin Sophia, eine sehr begabte Saxophonistin, spielte teils gelernte, aber auch aus dem Stegreif improvisierte Stücke und sorgte für Staunen bei den Zuhörern. Über die letzten Jahre hinweg  haben die Gudensberger mittlerweile genug Übung darin entwickelt, fast so gut die ukrainischen Volkslieder und -tänze zu präsentieren, wie ihre Freunde aus Schtschyrez.

Anders als in Deutschland, sind Jungen mit dem selben Enthusiasmus und Begeisterung auf der Tanzfläche zu sehen, wie die jungen Ukrainerinnen. 

„Am Rand stehen und zuschauen ist nicht, alle werden aufgefordert mitzumachen. Vor zwei Jahren sind wir noch alle gestolpert und unseren Tanzpartnerinnen auf die Füße getreten. Zum Glück wissen wir jetzt, wie es geht.“

Tigran Davidov, Teilnehmer aus Gudensberg 

Ehrenamt und Bürgerinitiative in Schtschyrez

Im Zuge der Einweihung des neuen Gudensberger Feuerwehrhauses am 3. November 2018, besichtigten die Ukrainer und ihre Gudensberger Freunde das neue Gebäude am Metzer Kreisel. Seit Jahren schon unterstützt die Freiwillige Feuerwehr Gudensberg ihre Partnerstadt beim Aufbau ihrer Feuerwehr.

Neben dem Problem des Fehlens einer zentralen Wasserversorgung mit Löschwasser-Hydranten in Schtschyrez, ist es auch nicht einfach freiwillige Helfer für den Brandschutz zu finden. Eine Freiwillige Feuerwehr, sowie allgemeine ehrenamtliche Strukturen gab es in sowjetischer  Zeit nicht, sodass nun erst Bürger überzeugt und ein Bewusstsein für die Notwendigkeit eines Ehrenamtes, wie es in Deutschland schon lange Bestand hat, erwachsen muss.

Man kann nur hoffen, dass sich dieses Problem von selbst lösen wird, wenn die Feuerwehr Schtschyrez erste erfolgreiche Einsätze leisten kann und die Menschen vor Ort von ihrer Hilfe profitieren können. Damit dies gelingt, steht die Freiwillige Feuerwehr Gudensberg  in den nächsten Jahren unterstützend zur Seite. 

Ein voller Saal bei der Abschlussfeier

Der letzte Tag der diesjährigen Jugendbegegnung war ganz der Vorbereitung der Abschlusspräsentation gewidmet. Die Jungen und Mädchen probten mit Eifer noch mehrmals ihr Theaterstück, damit am Nachmittag auch alles so lief, wie man es sich vorstellte und die Zuschauer einen möglichst authentischen Eindruck von der Verbundenheit und Freundschaft vermittelt bekamen, so wie die Jugendlichen es untereinander fühlen und zum Ausdruck bringen wollten.

Weiterer Bestandteil der Präsentation waren themenbezogene Fotos, ein über die Woche selbst gedrehter Film und mehrere Statements über die Erfahrungen, die im Rahmen des Projekts gemacht wurden.

Offizielle Vertreter der Stadt Gudensberg, Eltern der Jugendlichen und interessierte Bürger  waren eingeladen gemeinsam mit den Jungen und Mädchen einen unvergesslichen Abschluss zu feiern.

„Ich bin stolz darauf zu sehen, was die Jugendlichen hier selbstständig auf die Beine gestellt haben. Wir als Stadt Gudensberg und damit eingeschlossen auch unsere Partnerstadt in Schtschyrez können zwar die wichtigen Rahmenbedingungen für eine solche Begegnung schaffen, doch mit welchen interessanten und kreativen Inhalten sie 

diese Begegnung füllen und was die Jugendlichen daraus mit nehmen, liegt in ihrer Hand. Umso größer ist die Freude darüber zu sehen, wie erfolgreich dieses Projekt ist. “

Frank Börner, Bürgermeister der Stadt Gudensberg

Am Abend saßen alle noch lange zusammen rund ums Feuer. Gespräche reichten bis tief in die Nacht hinein. Die Trennung von ihren ukrainischen Freunden viel den Gudensbergern sichtlich schwer, so entschlossen sie sich spontan die letzte Nacht bei ihnen im neuen Gästehaus, dem ehemaligen Pfarrhaus, zu übernachten.

Eine enge Verbundenheit von Jugendlichen zweier Partnerstädte 

Es war eine Woche voller neuer Erfahrungen. Freundschaften wurden vertieft und Verständnis für die Probleme der jeweiligen Partnerstadt geweckt. Im Zeitalter der digitalen Medien, verbunden mit der Möglichkeit von überall auf der Welt in Sekundenschnelle auf Infos zuzugreifen, einhergehend mit der Problematik der Reizüberflutung, bleiben die direkten zwischenmenschlichen Beziehungen bei einer eher  sachlichen Berichterstattung meist auf der Strecke. Dies hat eine gewisse Abstumpfung gegenüber katastrophalen Ereignissen zur Folge. Der direkte Kontakt zu Menschen aus komplett anderen Lebensverhältnissen, wie es nun zum dritten Mal in Folge in Gudensberg statt fand, löste eine direkte Betroffenheit und Anteilnahme bei den Teilnehmern aus. Zusammenhänge stechen plötzlich klarer heraus und man hat plötzlich ein viel lebendigeres Bild von der Wirklichkeit, wie es gewöhnliche Nachrichtenquellen nicht immer vermitteln können. 

Die Ukraine befindet sich in einem Öffnungsprozess zu Europa und der westlichen Welt. Ein Austausch wie dieser ermöglicht es, sich als Menschen näher zu kommen. Dies ist ein wichtiger Baustein für eine funktionierende Kommunikation,  besonders wenn es darum geht sich über Wege und Zielsetzungen zu einigen, wie man es auf dem Weg nach Europa hin benötigt. 

Was in Gudensberg im Kleinen Erfolg hat, ist ein Beispiel dafür wie es im Großen europaweit  funktionieren kann.

„Uns Jugendlichen liegt besonders am Herzen, jetzt nicht nachzulassen. Alle Beteiligten, freiwillige Helfer, Vertreter der Städte und ehrenamtliche Helfer haben in den letzten Jahren für uns eine großartige Arbeit geleistet, dafür danken wir als deutsch-ukrainische Jugendliche allen sehr. Wir würden uns für die Zukunft wünschen, dass diese Begegnung mit dem selben Enthusiasmus und Engagement fortgesetzt wird, wie sie begonnen hat. Für uns geht es hier um Freundschaften, die einen unvergleichbar wichtigen Wert für unsere gemeinsame Zukunft haben.“

Jungen und Mädchen der Partnerstädte Schtschyrez & Gudensberg

Am 24. Juli 2017 stand die Gudensberger Jugendgruppe zusammen mit ihren ukrainischen Gastgebern auf dem Zentralfriedhof in Lwiw an der letzten Ruhestätte eines ukrainischen Arztes, der als Angehöriger einer Sanitätsabteilung der ukrainischen Armee im Konflikt mit dem übermächtigen Nachbarn Russland sein Leben verloren hat. Die Gudensberger Jugendlichen waren sehr betroffen, als sie erfuhren, dass es sich um den Vater eines Mädchens aus der ukrainischen Jugendgruppe handelte. Wenn man aus einem Land kommt, dass mit seinem Nachbarn in Frieden lebt und dessen Existenz nicht mit Waffengewalt bedroht wird, ist der gewaltsame Tod eines Familienangehörigen eine Vorstellung, die sich weit außerhalb des eigenen Lebens befindet. 

Man kann nur erahnen, welche Gefühle die junge Ukrainerin und ihre Freunde an diesem Ort bewegten.

Diese Begegnung mit dem unwiederbringlichen Verlust eines Menschen bewegte die Gudensberger Jugendgruppe sehr, nicht ahnend das aus ihrer Mitte nur ein knappes Jahr später Matteo Dietz durch einen tragischen Verkehrsunfall gerissen wurde. 

Gemeinsam standen die beiden Jugendgruppen zum Gedenken am Grab von Matteo, in ihrer Mitte seine Schwester Lucia und verbunden in der Trauer um ihn. 

Allen wurde bewusst, wie gefährdet und zerbrechlich das Leben sein kann. Auch daher ist es wichtig, den begonnen Weg der Freundschaft weiter zu gehen, sich zu helfen, zu beschützen und ein kleines Stück zu einer friedlicheren Welt beizutragen. 

Dies ist bestimmt im Sinne von Matteo, der ein aktives Mitglied dieser Begegnung war.

Sonntag: Kennen lernen und Erkundung der Universitätsstadt Lwiw

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Ein Wiedersehen auf das alle schon Monate hinfiebern: Mit Gastgeschenken im Gepäck und einem erwartungsvollen Gefühl im Bauch flogen in diesem Jahr 12 Jungen und Mädchen mit ihren Betreuern Lukas Giesler und Veronika Beier mit dem Flugzeug von Frankfurt aus in das 1230km entfernte Schtschyrez in der Westukraine.

Fast genau ein Jahr ist es her, dass die Jungen und Mädchen aus Gudensberg die Jugendlichen ihrer Partnerstadt Schtschyrez getroffen haben. Neben den vertrauten Gesichtern, mischten sich auf beiden Seiten nun auch neue Teilnehmer.

Gemeinsam besichtigten wir die Universitätsstadt Lwiw, auf Deutsch Lemberg, und besuchten die Gedenkstätte der gefallenen Soldaten im Ukrainekonflikt mit Russland. Auch zwei Soldaten aus Schtschyrez sind unter den Gefallenen.

Wir besichtigten einige Kirchen und fuhren gemeinsam mit der für Lwiw bekannten Bahn „Chu Chu“ quer durch die Stadt.

Montag: Die Geschichte und die Menschen von Schtschyrez

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Am Montag fuhren die jungen Gudensberger zum ersten Mal in ihre Partnerstadt Schtschyrez. Bei einer Stadtrallye lernten sie die Geschichte und die Menschen von Schtschyrez näher kennen.

Als die Jungen und Mädchen aus Gudensberg ihre Partnerstadt Schtschyrez erkunden, treffen sie auf ältere Leute, die ein wenig deutsch verstehen.

„In Schtschyrez gab es bis zum Beginn des zweiten Weltkriegs eine deutsche Kolonie mit dem Namen Rosenberg“, erklärt die ukrainische Gruppenleiterin Iryna Mykytka.

Auf dem Friedhof dieser Kolonie übersetzen die Jugendlichen mit Hilfe ihrer ukrainischen Freunde die Grabinschriften in die Landessprache.

„Diese Übersetzungen sollen zukünftig Besuchern, die sich für die deutsche Geschichte interessieren, zugänglich gemacht werden“, erzählt Iryna Mykytka.

Stefania Derewazka, Geschichtslehrerin an der Schule von Schtschyrez, erzählte den Jugendlichen in einem Vortrag von der Geschichte der Ukraine und von der Verbindung zu Deutschland.

Später erlebten die Jugendlichen einen musikalischen Nachmittag bei dem viel gesungen und getanzt wurde.

 

Dienstag: Raus aufs Land und hoch hinauf in die Karpaten

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Mit Wanderschuhen und Regenjacke im Gepäck machten sich die Jugendlichen auf in die Karpaten. Aber vorher stand noch eine 4 stündige Busfahrt bevor, bei der die Ukrainer wieder einmal unter Beweis stellten, das sie gute Sänger und Sängerinnen sind:

„Die Ukrainer werden nie müde, wenn es um das Singen und Tanzen geht.
Wir sind dann etwas beschämt, weil wir nicht über das Repertoire an Volkslieder verfügen, das für die Ukrainer selbstverständlich ist. Manchmal musste daher schon das ein oder andere Kirmeslied zur Not hinhalten“, so die Teilnehmerin Veronika Beier.

Ein Landausflug auf steinigen Pfaden: Der Besuch der mitteleuropäischen Hochgebirgskette der Karpaten zeigte den Jugendlichen, wie die Menschen abseits der großen Städte heut zu Tage leben.

„Es gibt dort neben der großartigen Natur viele kleine Dörfer ohne zentrale Wasserversorgung. Jede Familie betreibt einen eigenen Ziehbrunnen und baut ihr Gemüse zur Selbstversorgung an“, so beschreibt der Teilnehmer Max Fröhlich seine Eindrücke vom Leben der Menschen auf dem Land.

 

Auf der Rückfahrt verdeutlichte uns Kalyna Hychka, Stellvertreterin der Kreisverwaltung, in einer emotionalen Ansprache, wie stark die Ukrainer als Nation sind und wie sehr sie sich mit ihrem Land verbunden fühlen. Sie überreichte uns am Ende die Fahne der Ukraine.

„Die erste Begegnung ist immer die wichtigste im Leben. Diese Begegnung soll unsere beiden Länder näher zusammen führen“, so Kalyna Hychka.

 

Mittwoch: Geschichtliche Verbindung, Glücksbringer und Delfinarium

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Am Mittwoch lernten die Jugendlichen bei einem Vortrag die Entstehungs- und Gründungsgeschichte Schtschyrez’s und der deutschen Kolonie Rosenberg kennen. Oksana Basiuk unterrichtet Geschichte an der Schule von Schtschyrez und konnte alle Fragen der deutschen Jugendlichen ausführlich beantworten.

Gemeinsam bastelten die Jungen und Mädchen aus Schtschyrez und Gudensberg „Motankas“, ukrainische Glückspuppen. Man arbeitet in die Mitte der Puppe eine Münze  als Glücksbringer ein.

Am Nachmittag besuchten alle gemeinsam ein Delfinarium.

Donnerstag: Das Leben in Schtschyrez und Arbeit am Medienprojekt

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Der Donnerstag war ein Tag, wo die Menschen von Schtschyrez im Mittelpunkt standen. Es ging darum, den Bewohnern zu zeigen, warum ein solcher Jugendaustausch statt findet und über was sich die Jungen und Mädchen in den letzten Tagen Gedanken gemacht haben.

Die Kleingruppen Rosa, Blau, Grün und Gelb entwickelten ein Konzept für eine friedliche Gesellschaft und formten aus den zusammen getragenen „Werten“ symbolisch ein Zeichen, dass für sie ihre Idee von einer friedlichen Gesellschaft öffentlich verdeutlicht.

Die Jugendlichen lernten den Arbeitsalltag der Menschen in der Glasbläserei von Schtschyrez kennen und durften selber probieren eine Vase herzustellen.

Jeden Sonntag treffen sich Jung und Alt auf dem neuen Kleinfußballfeld neben der Schule von Schtschyrez für ein kleines Fußballturnier. Diesmal machten sie eine Ausnahme und veranstalteten ihr Fußballturnier zusammen mit den deutschen Jugendlichen am Donnerstag.

„Es gab keine Verlierer unter uns, wir hatten viel Spaß zusammen“, so drückte es Team Gelb aus.

Auch Bürgermeister Oleg Vasylyshyn lies es sich nicht nehmen, selbst auf dem Platz zu stehen. Hier zusammen mit Veronika Beier und Lena Nix.

„Die spontanen Dinge, sind oft die Schönsten“, sagt Veronika Beier lachend.

Nach dem Abendessen wurden die deutschen Jugendlichen spontan von einer Gruppe älterer Frauen aus Schtschyrez aufgefordert mit ihnen zusammen zu singen und zu tanzen.

„Daraus entwickelte sich einer der schönsten Abende der gesamten Jugendbegegnung. Die Gastfreundlichkeit und Offenheit der Menschen ist hier, anders als in Deutschland, selbstverständlich“, erzählt Oliver Sohl.

Tigran, einer der deutschen Teilnehmer, spielte für uns am Ende noch „River flows in Your“ und „Kiss the rain“ und rührte damit einige zu Tränen.

Freitag: Ukrainisches Nationalgericht, Medienprojekt und Bowling

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Die Woche näherte sich langsam dem Ende zu und damit rückt auch die Abschlussfeier mit Medienpräsentation näher.

Ihre Erlebnisse und was sie durch die Jugendbegegnung gelernt haben, teilten die Jungen und Mädchen, sowie ihre Betreuer, in einem Interview mit. (Zusehen in der Kategorie „Video“)

Am Vormittag kochten die Jungen und Mädchen an verschiedenen Orten ein typisch ukrainisches Nationalgericht. Einige Gruppen kochten bei ukrainischen Familien zuhause, bei den „Landfrauen“ von Schtschyrez oder in einem regionalen Restaurant. Am Ende trafen sich alle, um gemeinsam zu essen.

Am Nachmittag fuhren sie gemeinsam nach Lwiw ins Bowlingscenter und um noch einmal durch die Stadt zu Bummeln.

Lucia und Zoe mit traditioneller Tracht in einem ukrainischen Modegeschäft in Lwiw.

Samstag: Abschied nehmen und ein letztes Mal die Städtefreundschaft von Gudensberg und Schtschyrez feiern

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Ein Abschluss mit Tanz, Gesang und ergreifenden Worten:

Eltern, Bekannte, Einwohner und Freunde, alle wurden ins Dorfgemeinschaftshaus eingeladen um gemeinsam mit allen Beteiligten das Ende dieser spannenden und außergewöhnlichen Jugendbegegnung zu feiern. 

Einmal mit dem Pferdekarren durch Schtschyrez, auch eine neue Erfahrung für viele !

Das Gudensberger Feuerwehrauto, welches im vergangen Jahr nach Schtschyrez gebracht wurde, ist in guten Händen und konnte bei so manchen Einsätzen gute Dienste leisten!

Am Sonntag hieß es dann endgültig am Flughafen von Lwiw Abschied nehmen. Aber wie alle wissen, ist es kein Abschied für die Ewigkeit, sondern im nächsten Jahr werden sich alle Teilnehmer und hoffentlich viele Neue wiedersehen !

„Wir sind von Fremden zu Freunden in dieser Woche geworden. Jeder von uns spürt, dass eine Verbindung, die noch lange bestehen wird, zwischen uns entstanden ist“, so Oliver Sohl.

Welche Werte sind uns wichtig ?

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Team Rosa hat sich auch mit dem Modell einer friedlichen Gesellschaft beschäftigt und sich Gedanken darüber gemacht, wie man ohne kriegerische Auseinandersetzungen und mit gegenseitigem Respekt miteinander leben kann. Angesichts der Ukrainekrise mit Russland sind dies Fragen, die auch im Alltag der jungen Ukrainer eine wichtige Rolle spielen.

Team Rosa wählte als Ort für ihr Symbol das Rathaus von Schtschyrez, weil dort unterschiedliche Leute, auch aus aller Welt, ein- und ausgehen.